Europas Stromnetz stand am Rande des Totalausfalls

Das Problem im System. Industriewindanlage nahe Helpup im Lipperland.
Das Problem im System. Industriewindanlage an Überlandleitung nahe Helpup im Lipperland. (mk)

Eine Herausforderung für Verbundnetze stellt indes die Umstellung auf erneuerbare Energien dar. Da sie keine fossilen Kraftwerke, also auch nicht so leicht steuerbar sind, und insbesondere auch keine rotierenden Massen im Sinne von Generatoren haben, die Trägheit bringen, wird das System schon als Ganzes unruhiger. Energiesicherheitsexperte Veit Hagenmeyer

Selbstverständlich stellt sich nach einem großflächigen Stromausfall wie jetzt in Südamerika die Frage, ob das auch bei uns passieren kann. Natürlich kann es – und die Wahrscheinlichkeit steigt in dem Maße, wie an unseren europäischen und vor allem deutschen Netzen rumgepfuscht wird – durch wilde Entnahmen und Einspeisungen und durch den Stromhandel. Der daraus resultierende Regelbedarf steigt und steigt und steigt. 1)Netz- und Systemsicherheitsmaßnahmen

Nebenbei bemerkt zahlen wir alle für die bei solchen Eingriffen fälligen Entschädigungen für Anlagenbetreiber. Die gesamten geschätzten Entschädigungsansprüche der Anlagenbetreiber lagen im Jahr 2018 nach Angaben der Bundesnetzagentur mit 635,4 Millionen Euro über dem Niveau des Vorjahres. Diese Entschädigungsansprüche werden über die Netzentgelte von den Letztverbrauchern getragen – also von uns.

An Tagen wie diesen, wo es grau ist, da haben wir natürlich viel weniger erneuerbare Energien. Deswegen haben wir Speicher. Deswegen fungiert das Netz als Speicher. Und das ist alles ausgerechnet. Annalena Baerbock

Wenn Hagenmeyer 2)Karlsruher Institut für Technologie sagt, er könne sich nicht vorstellen, »dass wir in Europa ein Netz betreiben werden, das immer an der Grenze der Stabilität entlangfährt«, so fürchte ich, dies wird ein frommer Wunsch bleiben, wenn bald Amateure wie die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock die Geschicke dieses Landes lenken.

Und wir fangen ja gerade erst an mit dem Energieverbrauch, wenn man den grünen Heilsversprechen etwa zur E-Mobilität glaubt. Wir sind dem kritischen Zustand wahrscheinlich schon viel näher, als uns gesagt wird.

In dem DW-Text wird eine Sprecherin von Übertragungsnetzbetreiber TenneT mit den Worten zitiert: »Deutschland hat eines der sichersten Stromnetze der Welt.« Das ist ein Satz wie Stein gemeißelt, soll unerschütterliche Sicherheit suggerieren. Tatsächlich aber ist das eine Null-Aussage.

Und gerade TenneT sollte den Ball lieber etwas flacher halten. Denn wie man im Manager-Magazin und im österreichischen Der Standard nachlesen kann, war das Unternehmen maßgeblich an einem Beinahe-Blackout im Januar 2019 beteiligt: »Laut Angaben des österreichischen Übertragungsnetzbetreibers APG löste ‘ein Datenfehler an einem Netzregler’ im Gebiet der deutschen TenneT den Störfall aus.«  TenneT betreibt das komplette Hochspannungsübertragungsnetz in den Niederlanden und einen großen Teil des Stromnetzes in Deutschlands. Dieser Vorfall war weit weniger gravierender als der 13 Jahre zuvor, aber immer noch ernst genug.

Auch im Mai 2019 gab es eine heikle Situation – im »Netzverhältnis« zwischen der Schweiz und Deutschland. Auch in diesem Fall steht der Stromhandel im Verdacht, eine Netzüberlastung ausgelöst zu haben. Gegen alle Prognosen (und Gewohnheit) flossen mehr als ein Drittel der gesamten schweizerischen Stromproduktion (4,5 Gigawatt) nach Deutschland. Der Schweizer Netzbetreiber Swissgrid meldete am 20. Mai um 8 Uhr eine „Netzsicherheitsverletzung“. Das ist „Alarmstufe rot“, die höchste Warnstufe und letzte Maßnahme vor sogenannten Lastabwürfen – in Alltagssprache: Abschaltungen. Nur so war ein flächendeckender Blackout zu verhindern. Die Öffentlichkeit bekam davon so gut wie nichts mit.

Man muss sich mal klarmachen, was ein solcher Blackout bedeutet. Während Politiker*Innen und Aktivist*Innen schlimmstensfalls darunter leiden, dass sie ihren Tesla nicht geladen kriegen und sie nicht zu Anne Will können oder dass Facebook nicht geht, sterben in der realen Welt nach relativ kurzer Zeit Menschen. Praktisch alle Bereiche der Daseinsvorsorge sind massiv betroffen – von der Gesundheitsversorgung bis zu Kommunikation, Trinkwasserförderung, Treibstoffversorgung, Warenlogistik, Kläranlagen, Müllabfuhr… Das wird kein Spaziergang. 3)Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag 4)Infoseite von Herbert Saurugg, Major des österreichischen Bundesheeres und Blackout-Experte

Was wir als Zivilisation wahrnehmen, ist in Wahrheit ein extrem fragiles Konstrukt.


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Anmerkungen   [ + ]

1. Netz- und Systemsicherheitsmaßnahmen
2. Karlsruher Institut für Technologie
3. Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag
4. Infoseite von Herbert Saurugg, Major des österreichischen Bundesheeres und Blackout-Experte

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